Das Alter schreibt Lebensfäden und gibt mir immer wieder Stoff zum Schreiben. Nicht dass ich es mir bewusst vornehme, es führt und verführt mich dorthin. Es hat für mich etwas Zerbrechliches in sich. So viele Erinnerungen sind da und gleichzeitig die Einsamkeit, das Abgeschobensein und die Angst vor dem Tod. So stelle ich es mir vor und so nehme ich es wahr bei älteren Menschen aus meinem Umfeld.
Die Tasche
Seine Haut glüht, sein Atem geht schwer. Die Tasche an seiner Seite hängt schlaff herunter. Alt und brüchig ist sie geworden, so viel hat sie erlebt. Trepp auf, Trepp ab, wurde sie Tag ein Tag aus geschleppt. Die Schulter, an der sie hängt, ist runzelig geworden. Die Augen, die sie beobachten, haben schwarze Ringe. Traurig und wässrig sehen sie aus.
Die Tasche gesprenkelt mit braunen, dunklen Flecken. Das einstige Leuchten verblasst, durchdrungen von den Jahren des Gebrauchs, unzählbar die Flicken. Einst waren die Hände, die sie berührten, flink mit der Nadel gewesen. Heute war der Stich schief, die Flicken hingen an wenigen Fäden. Der alte Mann bemühte sich nicht mehr, sie schön zu machen, es war ein Einerlei für ihn geworden. Die einstige Euphorie über dieses so wundervolle Geschenk, diese Erinnerung an seine Tochter, war verflogen mit dem Wind. Sie wurde zu einem alten, zerrissenen Altersgegenstand, so wie auch die Beziehung zu seiner Tochter durchzogen vom Anderssein, vom Unverständnis.
Goldene Fracht
Ihr Ende stand kurz bevor, die Fäden hielten kaum mehr die Ränder fest zusammen, der Stoff porös. Heute hat sie Erbsen in Dosen geladen und Schokolade aus einer edlen Chocolaterie. Vorsichtig hat die alte Hand sie auf die Dosen gelegt. Sie wusste, heute musste sie noch durchhalten, aufgeben bei so einer edlen Ware, kam nicht infrage. Sie musste an diesem Tag ihre Nähte zusammenhalten. Was würde sonst mit der feinen Süßigkeit passieren? Heute ein Tag, der ihr Taschenherz, springen ließ vor Glück. Sie konnte sich kaum mehr entsinnen, wann ihr das letzte Mal so eine wertvolle Fracht anvertraut worden war.
Erinnerung
Die schwere Eingangstür geht quietschend auf. Der alte Mann zieht sich langsam am Geländer die Treppenstufen hoch. 3 Stockwerke muss er bewältigen, es wurde mit jedem Tag beschwerlicher. Seine Tochter drängt ihn, in ein Heim zu gehen. Doch er, er wollte nicht. Sein Herz hängt an diesem Ort, dort, wo er so viele Glücksmomente erlebt hat. Dort, wo ihn noch einige wenige Menschen kannten und ihn grüßten. Diese kleinen Momente zauberten ein Lächeln in sein Gesicht und ließen Erinnerungen aufblühen, als er noch die Treppe hochrannte. Nein, ein Heim niemals, lieber würde er sterben, als zu gehen.
Er hängt seinen Gedanken nach. Mit jeder Stufe kommt er seinem Heim näher. Und da passierte es: Er stolpert, hat die Stufe übersehen, oder hat ihn die Kraft verlassen? Er liegt mitten auf den Stufen, die Tasche zerfetzt daneben, die Dosen kullern polternd die Treppe abwärts. Die Edle, sie liegt in seinem Schoß. Stofffetzen umringen ihn, als wollten sie ihm zu Hilfe eilen, seinen Sturz abdämpfen.
Neubeginn
Ein Schmunzeln auf seinen Lippen. Sein Blick gleitet über die rosa-grauen Fetzen und er sagt: „Ich danke dir für deine treuen Dienste. Nun werden wir beide neue Schritte gehen. Das Alte hat ausgedient, ich werde gehen, werde das Heim besuchen, bis ich ganz verschwinde von dieser Welt. Genug des Streits mit meiner Tochter. Ich schaffe diesen Aufstieg nicht mehr allein. Komm, lass uns dieses letzte Zusammensein feiern.“
Vorsichtig streife er das Papier von der Edlen ab, golden glänzt die nächste Schicht. Knisternd legt sich die glänzende Folie in seinen Schoß. Ein Bruch, das erste Stück in seiner Hand und dann das nächste. Ein Wurf nach oben in die Luft, Schokoladenregen auf sie alle. So feiert der alte Mann mit seiner ausgedienten, zerfetzten Tasche das Schokoladenfest vom Allerfeinsten.
Geschrieben am 03.11.2024
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