Wenn du dich jetzt nicht entscheidest, wirst du niemals den Weg fort von der alten, steinigen Straße finden. Du wirst abhängig bleiben, deinen Kopf in den Sand stecken. Dir wird die Luft aus den Lungen gepresst und niemals, niemals wirst du das Licht am strahlenden Horizont sehen.
Du wirst dich meiner Worte erinnern, auch wenn ich schon längst im feuchten, dunklen Loch liege. Deine Tränen werden die Blumen gießen auf meinem Grab. Du wirst gebeugt vom Friedhof gehen. Die Gießkanne jeden Tag wieder und wieder mit dem gleichen Schloss um die gleiche Uhrzeit an die gleiche alte, verrostete Stange hängen.
Dort, wo auch ich jeden Tag stehe, mit einem flehenden Blick, dass doch dieser Tag bunter, fröhlicher sein möchte als die, die ich schon vergeudet habe. Dass er einen Duft von Karamellbourbons bekommt und die Muffigkeit des Alltags davonwischt. Ich weiß, wovon ich spreche.
Entscheidung
Ich flehe dich an, entscheide dich, über das Meer zu segeln. Entscheide dich, das alte Leben an den rostigen Nagel zu hängen. Entscheide dich, deine kleine rote Tasche vom Dachboden zu holen und die T-Shirts, kurzen Hosen und die rosa geblümten Röcke einzupacken.
Du musst dich Entscheide, aus dem festgefahrenen Zug auszusteigen. Ich möchte die Fotos küssen, die ich von dir aus Übersee bekommen werde.
Deine Haare möchte ich im Wind wehen sehen. Ich möchte sehen, wie das neue Leben deine Rücken streckt und du zwei Meter größer wirst. Das Glitzern vom Meer möchte ich in deinen Augen erhaschen. Ich möchte am Telefon deine rotzfreche Stimme hören, die sich über das Leben stellt und nicht davon gefressen wird.
Verstehst du mich, mein Kind? Hörst du das Flehen in meinem Herzen? Es möchte dich erreichen. Aber du, einer Ritterrüstung gleich, lässt nichts hindurch. Versagst mir jeden Blick, jedes Wort ist eins zu viel.
Wenn du dich jetzt nicht entscheidest, werde ich niemals dieses Glitzern, diese wehenden Haare, dieses verzaubernde Lächeln sehen. Ein letzter straffender Blick aus deinen kalten blauen Augen.
Du drehst dich um. Eine Pirouette hätte ich mir gewünscht, aber es sah mehr nach einem verrostenden alten Zinnsoldaten aus.
Unsere Wege trennen sich. Die nächste Begegnung ins Ungewisse verschoben.
Deine Mutter
Geschrieben am 24.04.2024
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