Dani verlässt früh morgens ihre schlafenden Teenager, um einen Geburtstagsbrief an ihre Mutter in den Briefkasten zu werfen – notgedrungen in roter High Heels (Tillas Idee), Jogginghose und fettigem Haar. Beim Einwerfen des Briefes wird sie magisch in den Briefkasten gesogen, schrumpft auf Kakerlakengröße und erlebt ein absurdes Abenteuer unter Briefen: Sie belauscht sprechende Umschläge, verliebt sich in einen Liebesbrief, reist im Postsack mit und landet schließlich in der Hand des alten Herrn Grummel, der nach Jahrzehnten endlich eine Antwort seiner Jugendliebe Rosa erhält. Zurück in normaler Größe begegnet sie einem charmanten Briefträger – und spürt, dass vielleicht ihre eigene Romanze beginnt.
Der Weg
„Tschüss!“, rufe ich laut. Grabesstille herrscht in den angrenzenden Zimmern. Meine kleinen Rotznasen träumen noch vom neuesten Nintendo oder den Fashion Sneakern. Entschuldige ich meine Kinder vor mir selbst.
„Ich gehe zum Briefkasten“, rufe ich.
Ob die Racker mich gehört haben? Ich habe sie so lange nicht mehr gesehen, dass ich unsicher bin, ob sie noch bei mir wohnten. „Pubertät, Pubertät“, murmelte ich.
Meine beste Freundin Tilla hatte mich gewarnt, als ich einen dicken Bauch vor mir herschob. „Es wird schrecklich in der Pubertät. Dann möchtest du die Monster verkaufen“, sagte sie mit einer Vehemenz, als hätte sie schon 10 Kinder großgezogen. Aber nein, Tilla hat kein einziges Kind, dafür feste Ansichten, die sie mit jedem teilte. Egal, ob ich es hören will oder nicht.
Vor der Wohnungstür ziehe ich meine roten, verstaubten High Heels an. Sie sind so unbequem wie am ersten Tag. „Für den kurzen Weg wird es gehen“, denke ich.
Tilla meinte eines Tages: „Du brauchst unbedingt ein Paar rote High Heels. Jede Frau muss mindestens ein paar im Schuhschrank haben. Komm, wir gehen shoppen!“
Wenn sich meine Freundin etwas in den Kopf gesetzt hatte, half kein Widerspruch. Wahrscheinlich hatte sie ihre Nase zu tief in einen schlauen Frauenratgeber gesteckt. Und das kam dabei heraus!
Noch dazu hasse ich Schuhe mit hohen Absätzen. Nichts geht über meine Lieblingswanderschuhe, aber davon wollte Tilla nichts hören.
Ohren Säuseln
Leider habe ich einen festen Grundsatz: „Wenn ich mir etwas gekauft habe, muss es getragen werden, bis es kaputt ist. „Mist-Einstellung!“
Mit roten Schuhen, Jogginghosen und Haaren, die so fettig sind, wie eine Dose Ölsardinen, mache ich mich auf den Weg.
Passend zu den Schuhen, reiße ich die rote Handtasche vom Haken. Mein Outfit: perfekt, hässlich und unbequem! Tilla hätte sich so niemals auf die Straße gewagt.
„Na ja, auf dem kurzen Weg werde ich schon niemanden treffen“, dachte ich mir.
Ich hörte Tillas Worte in meinem Kopf: „Du weißt nie was das Universum für dich geplant hat!“
Es gab Wichtigeres als mein Styling. Der Geburtstagsbrief an meine Mutter! Er muss unbedingt auf den Weg gebracht werden, sonst wird er wieder viel zu spät ankommen. Wie jedes Jahr.
Meine Mutter liebt Postkarten zu ihrem Geburtstag. Wehe, ich ruf sie an, dann ging das Gezeter los: „Nie habe ich Ruhe“, und legt auf. Mütter halt! Nach wenigen Schritten brennen meine Fersen, die großen Zehen fühlen sich wie in einer Mausefalle.
Ich hörte Tilla in meinen Ohren säuseln: „Wer schön sein will, muss leiden!“
Pah, sie hat ja nicht die Schmerzen!
Welch ein Glück, an der nächsten Ecke hängt der gelbe, rostige Briefkasten. Er hat schon so manchem Sturm und Regen getrotzt und vielen Briefen als Haltestelle gedient.
Der Briefkasten
Ich löse die Schnalle an meiner Handtasche, greife hinein und ziehe den dicken Umschlag heraus. Hauche einen letzten zärtlichen Geburtstagskuss darauf. Mit dem Brief in der Hand, öffne ich die Klappe und schiebe das rosa Kuvert in den Briefkastenschlitz.
„Aber was ist das?“ Ein helles flimmern um mich herum, wie Glühwürmchen auf einer Tanzveranstaltung. Der Brief klebt an meiner Hand, zieht an mir. Sie ist unsichtbar, „Hilfe“, rufe ich. Alles vibriert, ein mächtiger Sog erfasst mich. Mein Körper wirbelt und dreht sich immer schneller und schneller, bis er in der rabenschwarzen Finsternis verschwindet. Ich hatte schon immer eine Anziehungskraft für Maggie, aber dass so etwas passiert, habe ich nicht gedacht.
Der Briefkasten fühlt sich an wie Schmirgelpapier und hat Ähnlichkeiten mit der Besenkammer meiner Eltern. Wenn sie so richtig sauer auf mich waren, durfte ich mich immer mal wieder in dieser ausruhen. Jetzt liege ich in diesem saudoofen Kasten, kaum größer als eine Kakerlake mit langen Haaren, auf einem riesigen Haufen aus Umschlägen. Meine roten Schuhe glänzen weiter tapfer an meinen Füßen.
Oh man, sowas kann auch nur mir passieren! Mein Leben ist schon chaotisch genug.
Das wird mir Tilla nie glauben. Was machen meine Kinder ohne mich? Die werden sicher nicht im Briefkasten nach mir suchen! Wer soll mich jemals finden?!“ Ein Geistesblitz erhellte meine Angstzustände. „Der Kasten wird heute Vormittag geleert! Noch mal Glück gehabt.“
Meine Augen gewöhnen sich an die Schwärze, der Vorhang der Dunkelheit hebt sich langsam. Um mich herum liegen große, kleine, dicke und dünne Briefe. Rosenduft kriecht in meine Nase. Aus der anderen Richtung stinkt es nach einer Raucher-Longe.
Im Inneren
„Was ist das denn für ein Radau?“, riss es mich plötzlich aus meinen Gedanken. Stimmen! Aufgeregte Stimmen! Tiefe Stimmen! Eine zärtliche Stimme! Ein Husten! Räuspern! Was mag auf der Straße los sein? Ich sitze ruhig auf meinem Turm und lausche den Geräuschen.
„Das kann nicht sein! Das bilde ich mir nur ein, oder? Und doch bin ich mir sicher, die zärtliche Stimme kommt aus diesem Umschlag. Reden die Briefe? Eine andere Erklärung gibt es nicht!“
Überall höre ich Wortfetzen. „Die Sonne geht auf und …“, „Tante Hilde, lange ist es her, dass …“, „Der Tod von Frau Kamerun, wird …“, „Ich liebe dich …“, oh ja, diesen letzten Worten möchte ich folgen.
„Ein Liebesbrief! Wer schreibt heute noch Liebesbriefe? „Wie romantisch!“ Diesen Brief möchte ich finden. Ich möchte wissen, an wen er adressiert ist. Was er erzählt? Von diesem Brief geht Magie aus. Ich fühle mich von ihm angezogen, als gehören wir zusammen. Als wäre es meine Geschichte, die dort geschrieben stand. Welch ein Abenteuer!
Ich liebe die Liebe, nur leider treffe ich sie sehr selten. Aber hier, in diesem Briefkasten, ist die Liebe versteckt, in einem Kuvert, das leicht nach Zimt riecht.
Ich suche und krame zwischen den Briefen. Die Schwimmbewegungen lassen mich schneller vorankommen. Ein zarter Hauch nach Zimtsternen kriecht in meine Nase. Ich habe mein Ziel erreicht und strecke meine Hand aus, um nach dem Brief zu greifen. Eben möchte ich ihn fest an mein Herz drücken, als ein Ruck durch meinen Kakerlakenkörper fährt und ich mitsamt dem Brief in einen riesigen dunklen Sack falle. Glück im Unglück: Mein Ich-liebe-dich-Brief hat sich im Absatz meines roten Schuhs verfangen und ein Loch reingebohrt. Für irgendwas müssen die Schuhe ja gut sein. Schnell schlüpfe ich durch ein Löchlein in den Briefumschlag. Nun können wir uns nicht mehr verlieren. Unsere Reise kann beginnen.
Die Reise
Das Postauto wackelt nach rechts und links, macht einige Hüpfer in den Himmel hinein. Die Briefe machen eine riesige Konfetti-Parade. Alles ist egal, Hauptsache, wir sind zusammen. Das Geschaukel macht mich schläfrig, der leichte Duft nach Zimt betört mich. Meine Augen sind schwer, mein Körper hat sich eingeschaukelt und ich fühle mich himmlisch. Wie ein Baby in der Wiege werde ich geschaukelt und schlafe ein.
Sogar ein Wiegenlied bekomme ich gepfiffen. „Halt, nein, ich träume doch, oder? Eindeutig, da wird ein Lied gepfiffen.“ Wo bin ich denn jetzt wieder hineingeraten? Da pfeift jemand so fröhlich, mit so viel Hingabe und Liebe. Ich schmelze dahin. Schnell kneife ich mir in die Wange. Vielleicht schlafe ich doch noch. „Au“, schreie ich. Klare Sache, ich bin eindeutig wach und draußen wird ein Lied geträllert. Die Bewegung im lakritzschwarzen Sack fühlt sich anders an. Mehr nach Kartoffelsack über Schiffsbrücke tragen. Der Geruch hat sich verändert. Zwischen dem zarten Duft nach Zimt, rieche ich modrigen Stoff und würzigen Rosmarin. Kamille und frisch gemähte Wiese.
Platsch
Plötzlich ein harter, grober Ruck, ein lautes Fahrradklingeln. Liebesbrief und ich werden durch die Luft gewirbelt. Gleichzeitig erklingt ein lautes, fröhliches „Guten Morgen, Herr Grummel“.
Wenige Augenblicke später landen wir in einer runzligen, zart nach Nivea duftenden, warmen Hand. Sanft streicht die faltige Hand über meinen Brief. Ich hörte noch, wie Herr Grummel sagte: „So lange habe ich auf dich gewartet. Liebe Rosa, nun bist du bereit für unsere große Liebe!“
Mir scheint, als wäre Herr Grummel nicht mehr ganz zurechnungsfähig, oder mit wem spricht er da?
„Bitte, lieber Herr Postbote, haben Sie einen Augenblick Zeit? Meiner geliebten Rosa möchte ich sogleich eine Antwort schreiben.“
Er hat sich wohl berappelt. Ich würde Herrn Grummel gerne sagen, dass es mit dem Telefon schneller geht. Ich habe nur etwas Angst, dass er einen Herzinfarkt erleiden könnte, wenn plötzlich eine Stimme aus dem Brief kam. Mein ganzer Körper bebt. „Ich muss wieder groß werden und Herrn Grummel beistehen“, schreit es in mir. Kaum gedacht und schon löst sich die Magie auf und mit einem „Platsch“ fall ich aus dem Briefumschlag auf meinen Allerwertesten. „Autsch“, schrei ich. Meine feuchten Augen wandern nach oben zu den beiden Männern.
Alte Liebe
Als wäre es das Normalste der Welt, fragt mich der Briefträger: „Darf ich der Dame aufhelfen?“
Ich ergreife die schwielige, kräftige Hand.
„Was für imposante Hände, ob das vom Briefeaustragen kommt?“ schießt es mir durch mein Hirn.
Da stehe ich vor dem Postboten, in meinen roten High Heels und Jogginghose, vor den wohl schönsten Schlumpf-Eis-Blauen Augen meines Lebens. In meinem Bauch zwickt es.
„Hunger, eindeutig Hunger! Oder haben mir diese wundervollen, großherzigen Augen einen Verliebtheitszauber in meinen Bauch eingeflößt?“
Ich zupfe etwas an meiner Jogginghose, setze ein herzerweichendes Lächeln auf und drehe mich zu Herrn Grummel.
„Sagen Sie mal, was hat es mit diesem Brief auf sich?“
„Rosa und ich kennen uns schon seit der Schulzeit“, antwortet Herr Grummel. Der Abschlussball war unser Tag. Sie kam in einem atemberaubenden apfelgrünen Ballkleid. Bauschig umzingelte es ihre Beine. Wir tanzten, bis uns die Füße brannten. Dicht aneinandergeschmiegt schwangen wir uns über jedes Hindernis. Unsere Augen spiegelten sich in den Augen des anderen. In dieser Nacht schworen wir uns unsere ewige Liebe. Aber die Wirren des Krieges und das Leben selbst rissen uns auseinander. Dieser Zimt-Duft-Brief ist unser Zeichen. Nun ist es besiegelt, unsere Liebesreise wird gemeinsam weitergehen.“
Neue Liebe
„Und ich dachte, so etwas gibt es nicht im wahren Leben. Sie haben mich gerettet, Herr Grummel. Mein Herz leuchtet wieder und ich bin bereit, an die große Liebe zu glauben.“ Dabei schiele ich verschmitzt zu meinem Postboten rüber. Vielleicht habe ich etwas zu dick aufgetragen, fährt es mir durch den Kopf.
Mit erdbeerroten Wangen und eindeutig einem Lächeln auf den Lippen steht mein Postbote, etwas verlegen an sein Fahrrad gelehnt, mir gegenüber.
Mein Herz wummert und ich bin mir sicher: Hier beginnt die nächste Romanze!
Kurz kommt mir Tilla in den Sinn. Sie würde jetzt sicher sagen: Ich wusste doch, dass dich die roten High Heels zu deinem Glück bringen. Mit einem Schmunzeln lasse ich den Gedanken los und schaue nochmals meinem Postboten tief in die Augen.
Geschrieben 2022 und aufgehübscht in den Jahren danach.
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