Meine Hand fährt zaghaft durch mein silberglänzendes Haar. Dünn ist es geworden, nicht mehr viel übrig von meiner braunen Mähne, die die Männerherzen hat höherschlagen lassen.
Die letzten Sonnenstrahlen des Tages dringen durch die verschmutzte Fensterscheibe und blenden meine trüben Augen, erleuchten meine runzligen Hände. Zärtlich streiche ich die Falten mit meinen Fingern nach. Jede Falte beschreibt einen Teil meines langen Lebens. „Lebensjahre wie ein Baum“, denke ich.
Ich sitze, eingesunken in meinem flauschigen, abgestoßenen roten Lieblingssessel. Meine Füße, eingewickelt in einer kratzigen grünen Wolldecke. Den kalten, abgestandenen Kaffee vor mir auf dem runden Tischchen. Ein weißes Spitzendeckchen versteckte die Caféringe, die sich Jahr für Jahr in das Eichenholz eingegraben hatten. Ich liebte diesen Platz, mit seinen Erinnerungen.
Einsam
Eine Wolke der Traurigkeit erfasst mich, schneidet meine Kehle zu. „Was ist geworden aus meinem trubeligen, lebenslustigen Leben?“ Es ist still in mir und um mich herum. Die seltenen Besuche meiner Tochter bringen ein wenig Abwechslung. Nun hat sie ein trubeliges Leben, da passte ihre langweilige alte Mutter nicht hinein.
Ich möchte dieses stille Gefängnis nicht mehr, ich kann es nicht ertragen. Jeder Tag verläuft gleich. Am frühen Morgen der beschwerliche Weg aus dem Bett, hinein in meinen Sessel. Eine Pflegerin, die mir Spülwasser-Café bringt. Das Mittagessen, ein Einheitsbrei aus nichts. An vielen Tagen liebe ich mein Leben, meine Erinnerungen, erwecken das Kunterbunte in mir.
Mein Finger gleitet in eine Lebensfalte, sie fühlt sich weich und entspannt an. Der Finger kriecht weiter, liebkost meine warme Haut.
Durch das geöffnete Fenster fliegt ein gelber Schmetterling, setzt sich auf die Armlehne. Bringt den Duft der Rosen, den Duft des Lebens in mein Zimmer.
In mir eine wilde Brandung, ein rastloses Dahinsausen, ein Tag mit Seegang. An Seegangstagen kann ich es im Sessel nicht aushalten. Da möchte ich ins Leben fliegen mit dem Schmetterling.
Der Stille ist es egal, wie es in mir aussieht. Die Stille veränderte sich nicht. Sie bleibt sprachlos, geräuschlos, tonlos. Monotonie breitete sich aus.
Mein Kopf drehte sich zum Fenster. Ein Auto nach dem anderen fährt mit Karacho über das Kopfsteinpflaster. Krach von den unzähligen Autos, die vor meinem Fenster fahren.
Brumm, brumm, brumm.
Ich kann es nicht ertragen. Meine Hände fahren zu den Ohren, ich halte sie zu. Der Krach durchbricht die Stille.
Nicht der Lärm, der durch mein geöffnetes Fenster fliegt, soll die Stille durchbrechen!
Ich möchte Menschen hören, sehen, spüren, ja, auch schmecken.
Entrückt
Ein schelmisches Lächeln gleitet über meine Lippen. Ein Erinnerungsfetzen spürt mich auf. Wärme fließt durch meinen Körper wie an einem heißen Sommertag. Federgleiches Kitzeln an meinen Lippen. Ein Lufthauch, zärtlich wie das Streicheln einer Hand über meine Wange.
Der Duft eines herben Männerparfüms in meiner Nase. Ein Bild entsteht aus meiner Vergangenheitsbibliothek hinter meinen geschlossenen Augen. Bunt, plastisch, eine Bühne wie aus dem Nichts.
Laute Schuhsohlen auf holzigem Boden. Beine schwingen sich tanzend über das Parkett. Ich liege lachend, mit glatter Haut und dunkler Mähne, in den Armen eines Mannes.
Hans, meine erste große Liebe. Ich spüre die Wärme, ich spüre das Kitzeln, ich spüre die Feuchtigkeit und den Aprikosengeschmack in meinem Mund. Mein erster Kuss!
Es war beim Frühjahrstanz, heimlich, versteckt hinter dem Zelt, sodass es niemand sah.
Voller Sehnsucht spüre ich das Ziehen im Unterbauch. Das Verlangen nach mehr. Die Erinnerung wird zum Gefühl, das Gefühl wird zu meiner Wahrheit.
Ich fliege über das Parkett. Ich spüre die warmen, festen Hände an meiner Hüfte. Spüre die Leichtigkeit und den davonfliegenden Boden.
Ich verschmelze mit jeder Faser in den Tanz. In das Klingen meines Herzens. Der Kuss bringt Lebendigkeit in meinen steifen Körper. Ein letztes Mal spüre ich die Wärme, das Anschwellen meiner Lippen, meiner Brüste.
Plötzlich ein Zucken, ein Zittern, der Kopf kippt zur Seite. Die Augen geschlossen, ein Lächeln auf den Lippen.
Geflogen aus der Stille, in einen Traum, aus dem sie nicht mehr erwacht.
Geschrieben am 21.06.2024
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Sanft, melancholisch und voller stiller Freude. Danke für diesen schönen Moment!
Ich danke dir das du dir die Zeit genommen hast für die Sanfte Stille.